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TecnoNatur | von Alessandra Coppa

Setsu und Shinobu Ito aus Japan gehören zu den interessantesten Paaren des zeitgenössischen Designs. Ihre Leidenschaft für Italien führte sie 1997 nach ihrem Studium in Japan gemeinsam nach Mailand. Beide sind vorwiegend Produktdesigner, beschäftigen sich aber auch mit Innenarchitektur, Standbau und kleinen Architekturobjekten.

Natur und Technik stehen für beide im Vordergrund und von Anfang an waren ihre Werke durch die tiefe Beziehung des Menschen mit seinem Umfeld gekennzeichnet, die sie über die Objekte, das Packaging und ihre Einrichtungsgegenstände darstellen.

Im Mittelpunkt ihres Planungsansatzes steht die Interaktion zwischen Nutzer-Objekt-Umwelt und die dynamische Veränderung von Zeit und Raum. Die Idee der Veränderung, der Bewegung und der Rhythmus ihrer Projekte generieren haptische Empfindungen, Gesten und Emotionen.

Es werden häufig Konzepte von Natur und Beziehung angesprochen.

Die entstehenden und kontinuierlich wechselnden Beziehungen zwischen den Objekten und den Personen dienen als Anregungen für das Design der Aktion. Ihr Designansatz basiert auf einer anthropologischen Grundlage, in der Ruhe und Flexibilität eine wesentliche Rolle im Erleben der Veränderung spielen.

Die Objekte sind genau wie die Subjekte nicht das Hauptthema ihrer Studien: Zentrale Fragestellung ist die Beziehung zu den Situationen, wie die Dinge unter den gegebenen Bedingungen langfristig verwendet werden.

“Wir wollen neue Konzepte entwickelt, die so nah wie möglich an unserer ureigenen Identität sind und die in jeder Person eingeschlossenen Eigenarten interpretieren und reflektieren will. Wir planen keine Objekte mit einem rein ästhetischen und funktionalen Wert, sondern es stehen die Tätigkeiten bei der Verwirklichung dieser Objekte im Vordergrund. Wir erforschen zwischenmenschliche Beziehungen, die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, die Interaktion zwischen Nutzer und Objekt, zwischen Nutzer und Ambiente.

Wie ist es Ihnen gelungen, diesen harmonischen Ansatz zwischen gemeinsamer Planung und Arbeit zu finden? Wie haben Sie Ihre japanische Kultur mit der Italienischen integriert? Zu Ihren Meistern gehören Alessandro Mendini und Angelo Mangiarotti…

Setsu: Ich komme aus dem Süden Japans und als ich klein war, ist mein Vater, der Bildhauer ist, zwischen 1968 und 1970 längere Zeit in Carrara und Rom gewesen, um seine Kenntnisse zu Marmor und seiner Bearbeitung zu vertiefen. Nach meinem Hochschulabschluss in Design und Architektur an der Uni in Tsukuba war er es, der mir geraten hat, nach Italien zu kommen, weil es das Herkunftsland der Idole japanischer Jungdesigner ist: Scarpa, Albini, Ponti, Castiglioni, Magistretti, die revolutionären Ideen von Sottsass und Mendini. Ich habe Glück gehabt, weil ich für sechs Jahre bei zwei Meistern gearbeitet habe, erst Alessandro Mendini und dann Angelo Mangiarotti.

Zwei maßgebliche Erfahrungen, die sehr gegensätzlich erscheinen: auf der einen Seite Farbe und Postmoderne und auf der anderen die Strenge Abgleichung zwischen Material und Struktur.

Setsu: Die komplexen Projekte von Mendini sind gleichzeitig schockierend und unglaublich kohärent. Von Mangiarotti habe ich die Hingabe zum Material gelernt, die Strenge, die Maße, die Berechnungen. Als ich die Uni in Japan beendete, war ich fasziniert von den Medien und den Bewegungen in Italien, vor allem “Alchimia” von Ettore Sottsass. Ein komplett anderer Planet, der außerhalb unserer Vorstellung lag und ich war sehr neugierig auf die Entwicklung. Ich wollte internationale Erfahrung sammeln und wollte nicht in Japan bleiben. Ich bin 1989 hier angekommen und habe eine unglaublich interessante Erfahrung bei Alchimia gemacht. Die Freundschaft mit Mendini war sehr inspirierend und dauert immer noch an. Mendini verbindet für mich sowohl Liebenswürdigkeit als auch Tiefe. Direkt im Anschluss habe ich mit Mangiarotti gearbeitet, der ein völlig anderer Lehrer ist. Gegensätzliche Visionen, die aber entscheidend zur Entwicklung meiner eigenen Identität als Designer beigetragen haben.

Shinobu, Sie sind erst später nach Italien gekommen. In Japan haben Sie eine besondere Vorliebe für Textilien entwickelt.

Shinobu: Meine Geburtsstadt ist Tokio und ich habe meinen Hochschulabschluss in Textildesign an der Tama Art University gemacht und mich mit strukturellen und dreidimensionalen Aspekten von Textilien beschäftigt. Von 1988 bis 1995 habe ich in der Forschung und Entwicklung von Sony Creative Produkts gearbeitet, dort wo die Playstation entstanden ist. 1996 bin ich dann nach Italien gekommen, um an der Domus Academy zu studieren. Ich wollte neue Welten und italienisches Design sehen, das mir unvorhersehbar, frischer erschien. Setsu war Tutor an der Domus Academy und wir haben uns dort kennengelernt. Wir haben geheiratet, Angelo Mangiarotti war unser Trauzeuge, und nun wir arbeiten zusammen.

In seiner Einfüjhunrg zu einem Buch, dass Ihre Werke zusammenfasst (V. Briatore, Setsu e Shinobu Ito, east-west designer, Logos, 2008), schreibt Angelo Mangiarotti: “Der Unterschied zwischen meiner und seiner Generation (bezogen auf Setsu) ist, dass ich von der Materie ausgehe und er von der Idee. Ich starte beim Karton, dem Naturstein, versuche seine Vor- und Nachteile, Kosten und Grenzen zu verstehen. Er langweilte sich damit nach einer Weile... Vielleicht ist das auch richtiger, denn wer nur und ausschließlich Keramik kennt, macht am Ende nichts anderes mehr.”

Keramik ist also eine Art Metapher des Designverständnis des Fernen Ostens, das näher an der Idee als an der Materie ist...

Setsu: Ich wollte Design in seiner Eigenschaft als Material und Form erforschen und Mangiarotti war in dieser Hinsicht maßgeblich. Seine Auffassung von Architektur und Design ist der japanischen Kultur sehr nahe. Ein Projekt besteht für Mangiarotti aus wesentlichen Elementen wie die Kombination Pfeiler-Träger, eine sehr der japanischen Sichtweise ähnliche Denkart. Er war Japan verbunden, denn unsere Kultur verwendet viele Naturbaustoffe wie Keramik und Holz. In seinem Büro arbeiteten 15 japanische Planer und er ist über 50 Mal nach Japan gereist. Nachdem wir sein Büro verlassen haben, sind wir weiter mit ihm in Kontakt geblieben.

In Ihren Projekten sind immer zwei Elemente der japanischen Kultur vorhanden, obwohl Sie schon viele Jahre in Italien leben: Natur und vor allem die Beziehung, der Austausch zwischen den Dingen. Jedes Objekt erhält seine Existenzberechtigung erst durch den Austausch und die Beziehung mit anderen Gegenständen und durch den Gebrauch der Menschen. Ihre Objekte haben instabile, offene Formen, die versuchen einander zu ergänzen und die nur existieren, wenn sie benutzt werden.

Shinobu: Das ist richtig. Unser Designansatz könnte als naturverbunden beschrieben werden, im Sinne, dass der Planer sich wie ein kleines Wesen der Natur nahe steht; wir Menschen sind Teil der Natur. Wenn wir etwas schaffen, müssen diese Objekte Teil des Ganzen, des Umfeldes sein. Nichts existiert um seiner selbst willen. Das Objekt darf keinen aggressiven Einfluss auf seine Umwelt haben. Bei unseren Projekten will man berühren und den Duft der Natur spüren. In Japan glauben wird, dass jeder Naturstoff einen Gott und eine Seele hat. Im antiken Japan schufen die Menschen nichts, was im Kontrast mit der Natur stand. Wir wollen uns der Natur nähern, sie durch Objekte, Möbel und Räume, die mit nachhaltigem Naturmaterial entstanden sind, spüren und berühren.

Wie gelingt es Ihnen diese Kultur der Objektnatur mit Technik zu verbinden?

 Setsu: Japan war in den letzten 20 Jahre führend in der Technik und der technische Teil des Designs wurde fast bis zum Exzess betrieben. Technik stresst uns.

Allerdings glauben wir, dass ein durchdachter Ansatz des Designs zur Technik so weit wie möglich organisch sein soll, das heißt, man sollte ihn nicht sehen.

Mit der Aisin, einer Tochtergesellschaft der Toyota, haben wir einen Sessel entwickelt, der vor allem für ältere und behinderte Menschen gedacht ist. Er ist scheinbar simpel, aktiviert aber durch einfache und instinktive Handgriffe Sensoren, die Dienstleistungen erbringen. Intelligente Sensoren, die mit der Gebäudetechnik des Hauses interagieren. Mit einem ganz natürlichen Handgriff. Die Zukunft der Robotik besteht unserer Ansicht nach nicht in bizarren menschartigen Gestalten, sondern in einem bequemen Sessel mit eingebauter Kamera, mit der Möglichkeit zu telefonieren und die Geräte im Haus zu steuern. Für das gleiche Unternehmen haben wir auch ein intelligentes Möbelstück entwickelt sowie ein Bett mit Sensoren, die auf Körperbewegung reagieren und dabei nicht wie ein High-Tech Objekt wirken.
BIOGRAPHIE

Setsu und Shinobu Ito

Setsu und Shinobu Ito, in Japan aufgewachsen und ausgebildet, leben seit 1997 zusammen in Mailand. Setsu Ito, Jahrgang 1964 aus Yamaguchi im Süden Japans, studiert Design und Architektur an der Universität Tsukuba. Er zieht 1989 nach Mailand und arbeitet sechs Jahre in den Architekturbüros von Alessandro Mendini und Angelo Mangiarotti.

Shinobu Ito, 1966 in Tokio geboren, schließt hier ihr Studium in Textildesign an der Tama Art University ab und experimentiert mit den strukturellen und dreidimensionalen Aspekten von Textilien. Von 1988 bis 1995 arbeitet sie mit einer kreativen Elitegruppe in der F&E Abteilung des CBS-Sony Konzerns. 1995 eröffnen sie gemeinsam ihr Designbüro und sind als Berater für internationale Unternehmen tätig. Sie erhalten zahlreiche Auszeichnungen darunter The Young & Design Award 1999" (Italien), "The Good Design Award 2001" (Japan), "The Toyama Product Design Award 2001" (Japan), "ADI Design Index 2001, 2005" (Italien) und den "Premio Compasso d'Oro 2011" (Italien). Einige ihrer Projekte sind Teil der permanenten Ausstellung des “Triennale Design Museum” in Mailand und der “Neuen Sammlung - Internationales Design Museum” in München.