Baustoffe als sprechende Materie | von Alessandra Coppa

Die Forschungsarbeiten des Gabinete de Arquitectura di Asunciòn (Paraguay) gegründet von Solano Benítez, Gloria Cabral und Solanito Benítez fanden in einem problematischen sozial-politischen Umfeld statt, aus einer Notwendigkeit heraus, die weit von den Produktionsprozessen der Globalisierung entfernt ist. Daraus ist eine andere Sichtweise entstanden, in dem der Prozess aus dem sich Architektur entwickelt einen Wert darstellt.

Verwendet werden in seinen Projekten einfache Baustoffe, allen voran der Ziegelstein, ladrillo, der aus der lokalen Bautradition kommt und mit denen er technisch und optisch verblüffende Ergebnisse erzielt. Eine ungewöhnliche Ausdrucksform, aus der neuen Verfahren entstanden sind, die jedoch alle mit der Identität des Ortes verbunden sind und besserer Wohnqualität dienen.

Wir sprachen mit Solano Benítez anlässlich seiner Konferenz auf der Cersaie 2016 und als frisch gebackener Preisträger des Goldenen Löwen auf der von Aravena ausgerichteten Biennale, ausgezeichnet für sein Engagement, das „Architektur auch denen zugänglich zu machen, die bisher davon ausgeschlossen waren“.

 

2008 haben Sie den BSI Swiss Architectural Award der Akademie in Mendrisio aus der Hand von Mario Botta für den Geschäftssitz der Unilever in Villa Elisa (Paraguay) erhalten. Auf der Biennale unter der Leitung von Aravena haben Sie den Goldenen Löwen für eine spektakuläre Deckenkonstruktion aus Ziegeln und Mörtel erhalten. Was sind die Stärken dieser beiden Projekte?

Beim BSI Preis handelte es sich in Wirklichkeit um drei Projekte. Das war eine wichtige Anerkennung der Kontinuität unserer Arbeit. Eigentlich arbeiten wird immer am gleichen Thema und versuchen dabei, den Prozess weiterzuentwickeln. Wir feilen an unserem Wissen zu Technik und Baustoffen indem wir damit arbeiten, das ist die unverzichtbare Grundvoraussetzung und gemeinsamer Nenner aller unserer Projekte. Die Hitze Paraguays erfordert vor allem, dass ein Bauwerk Schatten spendet. Das mit den traditionellen Bautechniken aus Grobkeramik umzusetzen ist fast unmöglich. Wir mussten also ein System aus vorgefertigten Ziegeltafeln entwickeln, bei dem der Boden und die Schwerkraft unsere Verbündeten sind. Nach der Fertigstellung der Tafeln haben wir für Unilever Villa Elisa ein Verfahren für die Errichtung entwickelt, das auf einem Prinzip aus dem Brückenbau basiert, d.h. jeder fertige Bauabschnitt stellt das Fundament des nachfolgenden dar.

Wenn man Baustoff als Materie betrachtet, dann erlaubt man sich auch die Vorstellung neuer Formen ausgehend vom Bekannten; auf diese Weise widerstehen die neuen Ansätze Belastungen, die für traditionell gebaute Strukturen nicht vorstellbar sind. Beispiele dafür sind Abdeckungen aus vorgefertigter Grobkeramik, die anschließend als Sonnenschutz montiert werden, Ziegel, die als Bodenbelag und Schutz der Abdichtungsmatte des Daches dienen und vor starker Sonneneinstrahlung abschirmen.

Aktuell arbeiten wir an einer Idee zu einer Struktur aus Keramikziegeln, nicht als Strukturebene, sondern als Balkenstruktur; ein Plan, der im Moment noch an kein Projekt gebunden ist. Es handelt sich eher um eine Idee als um ein Architekturobjekt. Unser Projekt in Venedig bestand aus einer solchen gebogenen Balkenstruktur aus Ziegeln mit den geringstmöglichen Abmessungen und ist nicht als Deckenvolte entstanden, sondern als Balkenaufbau.

Der Baustoff nutzt also die Form für einen höheren Widerstand?

Definitiv. In Paraguay sind Ziegel der obligatorische Baustoff, da industrielle Baustoffe einfach fehlen. Daher habe ich mich auf die Erforschung von Ziegeln und ihrer Eigenschaften konzentriert.

In einigen Fällen habe ich Tafeln in kontrainduktiver Weise vorgefertigt, indem ich einfach Mörtel zwischen die am Boden verlegten Ziegel gegossen habe. Manchmal habe ich die Ziegel in eine dreidimensionale, selbstragende Tafel eingepasst. Oder ich habe Ziegel als Rippen für handgemachte, stereometrische Platten verwendet.

Ich glaube, dass alle Baustoffe eigentlich „dumm“ sind, denn lässt man einen Stein oder einen Ziegel los, dann fällt er, er ist „dumm“. Es ist die menschliche Fähigkeit, die diesen Ziegel in ein Monument zu verwandeln versteht, das ist die Herausforderung: zu verstehen, dass alles, was wir zur Hand haben „Materie“ ist und als Unterstand zum Schutz von Menschenleben verwendet werden kann. Ihre Aufgabe ist es Leben zu schützen und das Leben aller zu verschönern.

Architektur spricht durch die Materie und kommuniziert mit Keramik und Naturstein. Wir lernen durch Tun. Unser Ziel ist es einen Mangel in Überfluss zu verwandeln, indem wir mit einfach zu beschaffenden Mitteln arbeiten: Ziegeln und ungelernten Arbeitern.

Ein Architekturansatz, der auf Ihrer „humanen“ Interpretation von Technik basiert, kann die Lebensqualität des Menschen verbessern?

Architektur ist ein Werkzeug, um Leben einen Schutz, eine Unterkunft zu bieten und in diesem Sinne ist die Arbeit als Architekt ein Privileg, denn es stellt einen Kontaktpunkt mit einer fortschrittlichen Entwicklung menschlicher Werte dar. Ich glaube, dass Architektur die Summe vieler Fachrichtungen ist und die Fähigkeit hat, eine Synthese allen Wissens zu schaffen.

Ihre Architekturobjekte entstehen aus „Einschränkungen“. Ihre fantasievolle Verwendung von Technik verbunden mit ästhetischen Werten gehen aus Schranken, Notwendigkeiten, den finanziellen oder klimatischen Eigenarten eines jeden Projektes oder auch dem Mangel an Mitteln und Baustoffen hervor ...

Die Situation und die sich daraus ergebenen Bedingungen in Südamerika sehe ich nicht als eine Einschränkung, sondern als Chance. Wir können die Angst vor Einschränkungen durch einen intelligenten Umgang mit der Materie und mit anderen Menschen überwinden. Intelligenz entsteht nicht an einem geografischen Standort und sie erlaubt es, neue Ideen auch dort zu entwickeln, wo es keine angemessenen Ressourcen gibt. Angst ist die wirkliche Einschränkung.

BIOGRAPHIE

Solano Benítez, geboren 1963 in Asunción, wurde bereits kurz nach seinem Hochschulabschluss an der Staatsuniversität in Asunción und nach der Gründung des “Gabinete de Arquitectura” 1987 als wegweisender moderner Architekt bekannt.

1999 wird Solano Benítez von der paraguayischen “Cámara Junior” für seine Verdienste für sein Land ausgezeichnet als “Joven sobresaliente“ (herausragendes Jungtalent). Dieser Anerkennung folgen zahlreiche andere, darunter 2008 der BSI Swiss Architectural Award, ein internationaler Preis für Architekten unter 50, der zeitgenössische Architekturwerke auszeichnet. 2011 verleiht ihm der Nationalkongress in Paraguay eine Ehrenerwähnung für seine Verdienste um sein Land. Im gleichen Jahr wird er zum ‘Arquitecto del Bicentenario’ (Architekt des 200-jährigen Bestehens) des paraguayischen Architektenverbandes gewählt und seit 2012 ist er Ehrenmitglied des American Instiute of Architects.

Das “Gabinete de Arquitectura” hat neben dem Golden Löwen 2016 weitere Preise und Anerkennungen erhalten, darunter 1999 den Preis “Obra de la Década 1989-1999“ der paraguayischen Architektenkammer für die besten Werk des Jahrzehnts 1989-1999. Im gleichen Jahr ist er in der Endrunde für den Mies van der Rohe Preis für Lateinamerika und 1994 vertritt er Paraguay auf den Biennalen in Venedig, San Paulo und Lissabon – der iberoamerikanischen Kulturhauptstadt. Zu den wichtigsten Werken von Solano Benítez zählen: das Feriendorf Ytú in Paraguay (in der Endrunde des Mies van der Rohe Preis); das Grab von Piribebuy (Paraguay) in den Jahren 2000 und 2001; der Sitz der Unilever Villa Elisa (Gewinner des BSI Swiss Architectural Award) 2000 und 2001; das Haus Casa Esmeraldina in seiner Heimatstadt Asunción 2002; Casa Fanego, ebenfalls in Asunción, 2003 mit Sergio Fanego; Casa Abu & Font in Asunción zwischen 2005 und 2006; Casa Las Anitas in San Pedro 2007-2008; das Gebäude Alambra in San Lorenzo, das derzeit noch im Bau ist.